Gedichte
Ingeborg Bachmann, österreichische Schriftstellerin, Werke, Bd. 1 - Von Herzen - Erklaer mir, Liebe, Eine Art Verlust | Sieh Deines Herzens Knie an - Gedichtesammlung.
Ingeborg Bachmann, österreichische Schriftstellerin, Werke, Bd. 1
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Ingeborg Bachmann
Liebesgedichte zum Inwendiglernen und Weitersagen
Erklär mir, Liebe
Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat's Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen -
Erklär mir, Liebe!
Der Pfau, in feierlichem Staunen schlägt ein Rad,
die Taube stellt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.
Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinnen, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!
Erklär mir, Liebe!
Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt,
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!
Ein Stein weiß einen anderen zu erweichen!
Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?
Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn...
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.
***
Ingeborg Bachmann, österreichische Schriftstellerin
* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; + 17. Oktober 1973 in Rom;
manchmal Pseudonym Ruth Keller
Aus: Werke, Bd. 1
© Piper Verlag GmbH, München 1978
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Eine Art Verlust
Gemeinsam benutzt: Jahreszeiten, Bücher und eine Musik.
Die Schlüssel, die Teeschalen, den Brotkorb, Leintücher und
ein Bett.
Eine Aussteuer von Worten, von Gesten, mitgebracht,
verwendet, verbraucht.
Eine Hausordnung beachtet. Gesagt. Getan. Und immer die
Hand gereicht.
In Winter, in ein Wiener Septett und in Sommer habe ich
mich verliebt.
In Landkarten, in ein Bergnest, in einen Strand und in ein
Bett.
Einen Kult getrieben mit Daten, Versprechen für unkündbar
erklärt,
angehimmelt ein Etwas und fromm gewesen vor einem
Nichts,
(-- der gefalteten Zeitung, der kalten Asche, dem Zettel mit
einer Notiz)
furchtlos in der Religion, denn die Kirche war dieses Bett.
Aus dem Seeblick hervor ging meine unerschöpfliche
Malerei.
Von dem Balkon herab waren die Völker, meine Nachbarn,
zu grüßen.
Am Kaminfeuer, in der Sicherheit, hatte mein Haar seine
äußerste Farbe.
Das Klingeln an der Tür war der Alarm für meine Freude.
Nicht dich habe ich verloren,
sondern die Welt.
***
Ingeborg Bachmann, österreichische Schriftstellerin
* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; + 17. Oktober 1973 in Rom;
manchmal Pseudonym Ruth Keller
Aus: Werke, Bd. 1
© Piper Verlag GmbH, München 1978
Copyright
Trotz gründlicher Recherche konnten in einigen Fällen die Rechte-Inhaber
der Texte und Bilder nicht ermittelt werden.
Etwaige Anspruchsberechtigte mögen sich unter Nachweis des Anspruchs
an uns wenden.
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