Gedichte
Hilde Domin - Du musst mit dem Obstbaum reden, Auf der Terrasse, Mexikanisch, Nur eine Rose als Stütze - Hilde Domin Biografie - Gedichtesammlung.
Hilde Domin, Gedichte, Obstbaum, Mexikanisch, Vita
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Hilde Domin
'Nur eine Rose als Stütze'
Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.
Ich kaufe mir eine Decke
aus der zartesten Wolle
der sanftgescheitelten Schafe die
im Mondlicht
wie schimmernde Wolken
über die feste Erde ziehn.
Ich schließe die Augen
und hülle mich ein
in das Vlies der verlässlichen Tiere.
Ich will den Sand
unter den kleinen Hufen spüren
und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend abschließt.
Aber ich liege in Vogelfedern,
hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.

Domin, Hilde, Nur eine Rose als Stütze. Gedichte
Frankfurt: Fischer(Tb), 2003. 83 S.
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Mexikanisch
Ist der Liebende mehr
als ein Tänzer
vor der Puppe des Herzens,
berauscht vom Sommergeruch
der eigenen Hingabe?
Das Gegenüber lächelt
durch Nebel.
Besteigt es die Bühne,
wird es eins mit dem Tänzer
oder verlangt es,
wie ein mexikanischer Gott,
das festliche Herz auf dem Teller?
Du musst mit dem Obstbaum reden
Du mußt
mit dem Obstbaum
reden.
Erfinde
eine neue Sprache,
die Kirschblütensprache,
Apfelblütenworte,
rosa und weiße Worte,
die der Wind
lautlos davonträgt.
Vertraue dich
dem Obstbaum an
wenn dir ein
Unrecht geschieht.
Lerne zu schweigen
in der rosa
und weißen
Sprache.
©Hilde Domin
1909-2006
(Gesammelte Gedichte
S. Fischer Verlag,
Frankfurt am Main 1987)
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Auf der Terrasse
Das Meer, perlensanft gerieft,
Und silbern wie Taubenflügel,
Kommt von weit
Auf mich zu und leckt mich
Mit winzigen Wellen
Wieder und wieder
Und lässt nicht nach
Als sei ich sein Junges.
Seine zarte Zunge
Auf meinen Augen
Unermüdlich
Vor dem weissen Himmel,
Hypnotisiert mich
Durch das Glas der Terrasse hindurch
Mit dem schimmernden Streicheln,
Bis es mich anbindet
Mit hängenden Armen
Auf meinem Stuhl
Und vor mir
Die Schreibmaschine
Verwaist.
Aufbruch onhe Gewicht
Weisse Gardinen, leuchtende Segel
An meinem Fenster
Am Hudson,
Im zehnten Stock des Hotels
Hell in die Sonne gebläht und
knatternd im Meerwind.
Versprechen, Ausfahrt
Nachhause,
Zu Stelldichein mit mir selbst.
Aufbruch ohne Gewicht,
Wenn das Herz den Körper verbrannt hat.
Segel so möwenleicht
Über das offene Blau.
Das Zimmer ist unterwegs.
Aber das Meer
Ist abgesteckt wie ein Acker.
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B i o g r a f i e - Hilde Domin
Hilde Domin gilt als 'Dichterin der Rückkehr'. Ihre Werke befassen sich mit dem Verlust essentiellen Lebensinhalts, sowie mit dem Gewinn von etwas Neuem. Ihre Poesie ist geprägt vom unerschütterlichen Glauben an die Menschheit, an den Frieden und an die Gerechtigkeit. Allerdings ist ihr Vertrauen in den Menschen als beispielhaft für eine Generation deutscher Juden zu sehen, die aus dem Exil als Boten der Versöhnung nach Deutschland zurückgekehrt sind.
Ihre Lyrik lebt von eigenen Erfahrungen: Ein Dichter muss sein Erleben und sein Leid mit Worten gestalten, so dass sich der Leser damit identifizieren kann. Obwohl Hilde Domin ins Exil flüchtete, war die deutsche Sprache die einzige, in der sie schöpferisch tätig sein konnte.
Sie ist sich durchaus bewusst, dass sie mit ihren Werken nicht die Welt verändern kann, aber sie versucht, an den einzelnen zu appellieren, dem Menschen mit Aufrichtigkeit Hoffnung zu geben, ohne dabei Angst zu haben, die Wahrheit zu sagen. Hilde Domin will sich nicht einordnen lassen. Sie hört auf die Stimme ihres Herzens, will nicht mit dem Strom schwimmen.
Obwohl ihre Gedichte einfach scheinen, sind ihre Aussagen eindringlich. Sie bevorzugt eine direkte Sprache. Daher vermeidet sie Adjektive, Adverbien und Euphemisierungen in ihren Gedichten.
In Hilde Domins Gedichten wird der Mut und die Hoffnung zum zentralen Thema. Man muss sich dem stellen, was einem widerfährt und es bedingungslos annehmen. Jedoch soll der Mensch aus eigener Kraft zum Leben zurückfinden, ohne dabei jemals die Hoffnung zu verlieren.
Als Tochter jüdischer Eltern, floh Hilde Domin während der Nazi- Zeit ins Exil, wo sie über 20 Jahre verbrachte. Danach kehrte sie in ihre Heimat zurück. Es ist zu vermuten, dass sie dem assimilierten Judentum angehört. Zwar wird in ihren Werken das Schicksal, als unabdingbare Gegebenheit thematisiert, was sie jedoch nicht zur Fatalistin werden lässt. Der Mensch hat keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge, aber er kann lernen, damit umzugehen.
Zudem zweifelt sie an der göttlichen Gnade und erkennt die Erfüllung des Daseins nur durch die eigene Stärke an. Daher wird in ihrer Poesie der Aufruf an den Einzelnen deutlich, sein Schicksal anzunehmen, aber auch zu versuchen, selbst etwas daraus zu machen: Die schwersten Wege muss der Mensch allein gehen, Enttäuschung und Verlust ertragen, im Unklaren darüber, ob es einen gerechten Gott gibt, der gnädig ist und einem den Weg weist. Besonders in der NS- Zeit können diese Zweifel aufgekommen sein. Hilde Domin nahm ihr Schicksal an, wurde aber selbst tätig, indem sie ins Ausland flüchtete. Hilde Domin hat nie den Glauben an die Menschheit und die eigene Stärke verloren; ob an Erlösung und göttliche Unterstützung, ist zweifelhaft.
Copyright
Trotz gründlicher Recherche konnten in einigen Fällen die Rechte-Inhaber
der Texte und Bilder nicht ermittelt werden.
Etwaige Anspruchsberechtigte mögen sich unter Nachweis des Anspruchs
an uns wenden.
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