Gedichte
Christian Morgenstern - Die Enten laufen Schlittschuh, Es ist Nacht, Diese Rose, Denkmalswunsch, Mein Herz kommt zu Dir, Lieb ohne Worte, Die zwei Wurzeln, Der Lattenzaun, Biografielink - Buchvorstellung - Gedichtesammlung.
Christian Morgenstern, Dichter, Gedichte, Vita
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Christian Morgenstern
Die zwei Wurzeln
Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.
Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.
Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.
Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.

Die Enten laufen Schlittschuh
Die Enten laufen Schlittschuh
auf ihrem kleinen Teich.
Wo haben sie denn
die Schlittschuh her -
sie sind doch gar nicht reich?
Wo haben sie denn
die Schlittschuh her?
Woher?
Vom Schlittschuhschmied!
Der hat sie ihnen geschenkt,
weißt du,
für ein Entenschnatterlied.
© Christian Morgenstern
(1871-1914)

Der Lattenzaun
Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.
Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da
und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.
Der Zaun indessen stand ganz dumm
mit Latten ohne was herum,
ein Anblick gräßlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.
Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri od Ameriko.
© Christian Morgenstern
(1871-1914)
Denkmalswunsch
Setze mir ein Denkmal, eher,
ganz aus Zucker, tief im Meer.
Ein Süßwassersee, zwar kurz,
werd ich dann nach meinem Sturz;
doch so lang, dass Fische, hundert,
nehmen einen Schluck verwundert.
Diese isst in Hamburg und
Bremen dann des Menschen Mund.
Wiederum in eure Kreise
komm ich so auf gute Weise,
während, werd ich Stein und Erz
nur ein Vogel seinen Sterz
oder gar ein Mensch von Wert
seinen Witz auf mich entleert.
© Christian Morgenstern
(1871-1914)
Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zu dir,
hält's nicht aus,
hält's nicht aus mehr bei mir.
Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.
Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.
© Christian Morgenstern
(1871-1914)

Lieb ohne Worte
Mich erfüllt Liebestoben zu Dir!
Ich bin deinst,
als ob einst
wir vereinigst.
Sei du meinst!
Komm Liebchenste zu mir -
ich vergehste sonst
sehnsuchtstgepeinigst.
Achst, achst, schwachst,
schwachst arms Wortleinstche, was? -
Genug denn, auch du, auch du liebsest.
Fühls, fühls ganzst ohne Worte: sei Meinstlein!
Ich sehne dich sprachlosestest.
© Christian Morgenstern
(1871-1914)

Diese Rose
von heimlichen Küssen schwer
Sieh, das ist unsre Liebe.
Unsre Hände reichen sie hin und her,
unsre Lippen bedecken sie mehr und mehr
mit Worten und Küssen sehnsuchtsschwer,
unsre Seelen grüßen sich hin und her
wie über ein Meer ~ ~ wie über ein Meer ~ ~
Diese Rose vom Duft unsrer Seelen schwer:
sieh, das ist unsre Liebe.
© Christian Morgenstern
(1871-1914)
Mein Herz kommt zu Dir
Es ist Nacht, und mein Herz kommt zu Dir,
hält's nicht mehr aus, hält's nicht mehr aus bei mir.
Legt sich Dir auf die Brust, wie ein Stein, sinkt hinein,
zu dem Deinen hinein. Dort erst, dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund seines ewigen Du.
© Christian Morgenstern
(1871-1914)
O ihr kleinmütig Volk, die ihr vom Heute
nicht loskommt, die ihr meint: so ist es, war es
und wird es sein, so lange Menschen leben.
O würdet ihr doch andrer Hoffnung Beute
und lerntet wieder schauen Offenbares
und Hirn und Herz zu höchstem Ziel erheben!
© Christian Morgenstern
(1871 - 1914)
aus: Wir fanden einen Pfad.
Biographielink:
http://gutenberg.spiegel.de/autoren/morgenst.htm
Buchtipp:
Christian Morgenstern: Gesammelte Werke in einem Band
Piper Verlag, München, 615 Seiten, 13,90 Euro
versandkostenfrei bei lesen.de:
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3492210678/lyrik-21
Christian Morgenstern im Internet
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Christian Morgenstern - Vita
Dichter, Übersetzer
1871
6. Mai: Christian Morgenstern wird als Sohn des Landschaftsmalers Carl Morgenstern und dessen Frau Charlotte (geb. Schertel) in München geboren.
1892/93
Jurastudium an der Breslauer Universität, das er bald abbricht.
Während dieser Zeit publiziert er mit Freunden die kulturkritische Zeitschrift 'Deutscher Geist'.
1893
Morgenstern erkrankt an Tuberkulose, die ihn zeit seines Lebens immer wieder zu Kuraufenthalten zwingt.
1894
Er übersiedelt nach Berlin. Von hier aus schreibt er regelmäßig Kulturberichte und Literaturkritiken für die Zeitschriften 'Neue Deutsche Rundschau' und 'Der Kunstwart'.
1894-1899
Veröffentlichung von Beiträgen und Glossen in Kulturzeitschriften wie 'Jugend', 'Freie Bühne' oder 'Die Gesellschaft'.
1895
Morgenstern gibt mit 'In Phantas Schloß. Ein Zyklus humoristisch-phantastischer Dichtungen' seinen ersten Lyrik-Band heraus. Es folgen vierzehn weitere.
Aufgrund seiner literarischen Tätigkeit kommt es zum Bruch mit dem Vater.
Ab 1897
Tätigkeit als Übersetzer und später auch Herausgeber von August Strindberg (1849-1912) und Henrik Ibsen (1828-1906).
1900-1902
Aufgrund seiner Krankheit Aufenthalt in der Schweiz. Hier verfaßt er satirische Szenen und Parodien für Max Reinhardts Berliner Kabarett 'Schall und Rauch'.
1903-1905
Übernahme der Redaktion der Zeitschrift 'Das Theater' im Verlag von Bruno Cassirer (1872-1941). Er widmet sich besonders der Erläuterung von Reinhardts Bühnenreform und der Rezension seiner Theaterproduktionen.
Beginn der freien Mitarbeit als Lektor für Cassirer.
1905/06
Veröffentlichung der Gedichtbände 'Galgenlieder' und 'Melancholie'. Diese beiden Sammlungen zeigen Morgensterns Doppelveranlagung zu humoristischer und ernster Poesie: einerseits Natur- und Stimmungslyrik und andererseits groteske Sprachspielereien, die u.a. durch Wortschöpfungen eine eigene 'Sprach-Spiel-Welt' entstehen lassen.
Während eines weiteren Sanatoriumsaufenthalts findet er zum Glauben und zur Religion. Diese Überlegungen schlagen sich in der Gedichtsammlung 'Einkehr' (1910) nieder.
1909
Morgenstern schließt sich dem engeren Kreis der anthroposophischen Gesellschaft um Rudolf Steiner (1861-1925) an.
1910
Heirat mit Margareta Gosebruch.
1914
31. März: Christian Morgenstern stirbt in Meran an den Folgen seiner Krankheit.
1916-1921
Postum erscheinen im Verlag Cassirer die Gedichtsammlungen 'Palma Kunkel' (1916), 'Der Gingganz' (1919) und der satirische Eigenkommentar 'Über die Galgenlieder' (1921).

Copyright
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