Gedichte
Barrett Browning, Elizabeth - Sonette aus dem Portugiesischen, engl. Dichterin, Grosse Liebe, Ich trug ein schweres Herz, Liebesgedichte zum Inwendiglernen und Weitersagen.
Barrett Browning, Elizabeth, Sonette, aus dem Portugiesischen
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Elizabeth Barrett-Browning
Liebesgedichte zum Inwendiglernen und Weitersagen
Sonette aus dem Portugiesischen
Ich trug ein schweres Herz von Jahr zu Jahr,
bis ich dein Antlitz sah, Geliebter. Mir
ward Schmerz, wos anderen natürlich war
Freuden zu tragen, aufgereiht; und ihr
vom Tanzen rasches Herz hob Perle nach
Perle ins Licht. Zu trostlosem Erleben
schlug kurze Hoffnung um. Gott war zu schwach,
mein überladnes Herz hinauszuheben
über die bange Welt. Bis du mir riefst,
es zu versenken, wo du dich vertiefst
zu ruhigem Großsein. Durch die eigne Schwere
sinkt es in deine Tiefen, die wie Meere
sich drüber schließen, füllend alle Ferne
zwischen dem Schicksal und dem Stand der Sterne.
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Mir scheint, das Angesicht der Welt verging
in einem andern. Deiner Seele Schritt
war leise neben mir, o leis, und glitt
leis zwischen mich und das was niederhing
in meinen Tod. Auf einmal fing -
- da ich schon sinkend war - mich Liebe auf,
und ein ganz neuer Rhythmus stieg hinauf
mit mir ins Leben. Den ich einst empfing,
den Taufkelch voller Leid, ich trink ihn gern
und preis ihn, Süßer, süß, bist du nur nah.
Die Namen: Heimat, Himmel schwanden fern,
nur wo du bist, entsteht ein Ort. Und da:
dies Saitenspiel (die Engel wissen wie
geliebt) hat nur in dir noch Melodie.
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Auch am Rialto meiner Seele kennt
man Tausch und Handel. Und mein Herz wird Speicher
für meines Dichters Locke, die mir reicher
erscheint als Schiffe aus dem Orient.
So purpurn wie sie dunkelt. Pindar sah
so glutverhaltend nächtiges Geflecht
um Musenstirnen. Und mit gleichem Recht,
vermut ich, wich von dieser Locke da
noch nicht der Schatten aus dem Kranz. Man sieht:
sie ist so schwarz. Ich will ein Netz gehauchter
schützender Küsse drüber knüpfen und
aufs Herz sie legen, wo ihr nichts geschieht,
und wo sie Wärme hat wie auf erlauchter
Stirne, solang es glüht auf seinem Grund.
Nach oben
Geliebter, mein Geliebter, wenn ich denk
vor einem Jahr -: Da saß ich noch wie eh,
und deine Fußspur war noch nicht im Schnee,
und rings das Schweigen war noch ungelenk,
von deiner Stimme nicht geschult. Ich ließ
die langen Ketten langsam, Glied nach Glied,
durch meine Finger gehn, nicht wissend dies:
daß du schon möglich warst. Wie mir geschieht,
da ich des Lebens tiefes Staunen trinke.
Und wunderlich, daß Tag und Nacht von dir
nicht schon erzitterten. Was gaben mir
die weißen Blumen, die du sahst, nicht Winke?
So zugeschlossen sind, die Gott verneinen
für seine Gegenwart. Ich wars der deinen.
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Sag immer wieder und noch einmal sag,
daß du mich liebst. Obwohl dies Wort vielleicht,
so wiederholt, dem Lied des Kuckucks gleicht
wie du's empfandest: über Tal und Hag
und Feld und Abhang, beinah allgemein
und überall, mit jedem Frühling tönend.
Geliebter, da im Dunkel redet höhnend
ein Zweifelgeist mich an; ich möchte schrein:
»Sag wieder, daß du liebst.« Wer ist denn bang,
daß zu viel Sterne werden: ihrem Gang
sind Himmel da. Und wenn sich Blumen mehren,
erweitert sich das Jahr. Laß wiederkehren
den Kehrreim deiner Liebe. Doch entzieh
mir ihre Stille nicht. Bewahrst du sie?
Nach oben
Am ersten Tag in deiner Liebe sah
ich bang dem Mond entgegen, weil ich meinte,
er würde unaufhaltsam dieses da
auflösen, das zu rasch und früh Vereinte.
Wer rasch im Lieben ist, schätzt rasch gering,
und was mich selbst betraf: ich war kein Ding
für solchen Mannes Liebe. - Wer vermiede
nicht eine Geige, welche seinem Liede
nur Schaden tut: wer legte sie nicht hin
beim ersten Mißton? Ach ich hatte recht
für mich und für mein Herz, doch nicht für deines.
Ist auch ein Instrument verbraucht und schlecht:
für einen Meister ist Musik darin, -
Handeln und Lieben ist den Großen eines.
Nach oben
Sein erster Kuß berührte nur die Finger,
womit ich schreibe: wie sie seither leben
geweiht und weiß, unfähig zu geringer
Begrüßung, doch bereit, den Wink zu geben,
wenn Engel sprechen. Und es könnte nicht
ein Amethyst sichtbarer sein im Tragen
als dieser Kuß. Der zweite, zum Gesicht
aufsteigend, blieb, wo meine Haare lagen,
verloren liegen. Unwert der Verwöhnung
empfing ich seine Salbung vor der Krönung.
Doch feierlich wie im Zeremonial
ward mir der dritte auf den Mund gelegt
in Purpur, und seitdem sag ich bewegt:
O mein Geliebter, - stolz mit einem Mal.
Nach oben
Wie ich dich liebe? Laß mich zählen wie.
Ich liebe dich so tief, so hoch, so weit,
als meine Seele blindlings reicht, wenn sie
ihr Dasein abfühlt und die Ewigkeit.
Ich liebe dich bis zu dem stillsten Stand,
den jeder Tag erreicht im Lampenschein
oder in Sonne. Frei, im Recht, und rein
wie jene, die vom Ruhm sich abgewandt.
Mit aller Leidenschaft der Leidenszeit
und mit der Kindheit Kraft, die fort war, seit
ich meine Heiligen nicht mehr geliebt.
Mit allem Lächeln, aller Tränennot
und allem Atem. Und wenn Gott es gibt,
will ich dich besser lieben nach dem Tod.
***
Elizabeth Barrett Browning (Moulton), engl. Dichterin
* 6. März 1806 in Durham, England; + 29. Juni 1861 in Florenz
Aus: Sonette aus dem Portugiesischen.
Übertragen durch Rainer Maria Rilke
© Leipzig: Insel-Verlag 1911

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